Eine Traktionsart stirbt aus – Wie entwickelte sich der Beiwagenbetrieb und wo fährt er noch

Die ersten Beiwagen kamen mit der elektrischen Straßenbahn zum Einsatz. Bei der Pferdebahn zogen die Pferde nur einen Wagen, im Gegensatz zur Dampf-straßenbahn, hatten sie einen oder mehrere Wagen gekoppelt, die man heute als Beiwagen bezeichnen würde. Als in den 1880er Jahren die ersten Betriebe in Deutschland elektrifiziert wurden, hatten die Triebwagen dank der Stromzufuhr eine höhere Zugkraft als Pferde. So wurden die ehemaligen Pferdebahn-wagen zu Beiwagen umgebaut und an die Triebwagen gekoppelt. So entstanden Zwei- und Dreiwagenzüge. Diese Kombination hielt mehrere Jahrzehnte. Gekoppelt wurden auch zwei Triebwagen miteinander. In den 1950er Jahren gab es ein Umdenken. Es wurden längere Triebwagen konstruiert, die durch ein oder zwei Gelenke mehrere Wagenteile verband. So war es möglich, keinen Beiwagen oder zweiten Triebwagen mitzuführen, sondern beispielsweise mit einer Länge von 30 Metern barrierefrei den Wagenkasten zu durchgehen. In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) führten einige Betriebe Gelenktriebwagen ein und die Beiwagen rollten auf das Abstellgleis. Hingegen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) setzte man weiterhin auf Beiwagenzüge. So mit den Gotha- und Lowawagen. Doch auch hier gab es Gelenktriebwagen, die Solo oder mit Beiwagen fuhren, um mehrere Fahrgäste zu befördern. In der DDR sah man sich nach einem Großraumwagen um. Auf Grundlage des amerikanischen PCC-Wagens entwickelten die DDR und CKD Praha aus dem Tatra T3 (Triebwagen der 3. Generation) den T3D (D für DDR). Dieser hatte jedoch eine Wagenkastenbreite von 2,50 Metern, die in vielen Städten zu breit war. Lediglich Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und Schwerin setzte sie ein, alle anderen Städte erhielten den T4D mit einer Breite von 2,20 Metern. Der T3 bzw. T4D war nur als Solo-Triebwagen vorgesehen, doch die DDR wollte einen Beiwagenzug. Und so konstruierte CKD Praha einen Beiwagen, den B3D und B4D. Um noch mehr Fahrgastvolumen aufzunehmen, entstand der Großzug aus zwei Triebwagen und einem Beiwagen. Durch die Ausmusterung zahlreicher Beiwagen sind nur noch die Kombinationen mit zwei oder drei Triebwagen möglich. Die Städte Leipzig und Rostock gingen Ende der 1990er Jahre den Weg, hinter ihren Hochflurtriebwagen einen Niederflurbeiwagen zukoppeln und beschafften gemeinsam den Typ NB4. In Kassel fuhren zuletzt 2003 Beiwagenzüge und als Rostock seine NB4 verkauft hat, erwarben sie 15 Beiwagen und setzen sie hinter ihren Niederflurgelenktriebwagen ein. Doch, es geht auch anders. So mit Magdeburg, die Hochflurbeiwagen des Typs B6A2M hinter den Niederflurgelenktriebwagen NGT8D koppeln. Laut dem Straßenbahn Magazin, Ausgabe 12/2015, verkehrten in diesem Jahr noch zehn Straßenbahnbetriebe mit Beiwagen: Bad Schandau (Sachsen), Bielefeld (Nordrhein-Westfallen), Braunschweig (Niedersachsen), Darmstadt (Hessen), Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt), Kassel (Hessen), Leipzig (Sachsen), Magdeburg (Sachsen-Anhalt), München (Bayern), Rhein-Neckar (Baden-Württemberg) sowie mit Sondereinsätzen in Naumburg (Sachsen-Anhalt) und Woltersdorf (Brandenburg). Leipzig hat mit (Stand Juli 2019) 43 Beiwagen im Einsatz den größten Beiwagenfuhrpark. Doch Beiwagen haben ihr Schattendasein. Zwar können mit ihnen unterschiedliche Wagen-längen gekoppelt und bei geringer Fahrgastkapazität an Endhaltestellen und in Betriebshöfen entkoppelt werden, jedoch ist dieser Aufwand für viele Betriebe zu hoch geworden und es werden längere Triebwagen ausgeschrieben, die einen Beiwagenbetrieb überflüssig machen. Aufgrund von Vandalismus können sie an den Wendeschleifen auch nicht mehr unbeaufsichtigt stehen gelassen werden.

Vorstellung ausgewählter Betriebe mit Beiwagen

Braunschweig

Als im Jahr 2007 zwölf NGT8D die Stadt Braunschweig (Niedersachsen) erreichten, konnten acht GT6 ausgemustert werden. Die Triebwagen wurden ver-kauft oder verschrottet und vier Beiwagen vom Typ Mannheim erhalten, um sie bei hohem Fahrgastaufkommen mit den NGT8D zu koppeln. Sechs der zwölf Niederflurgelenktriebwagen erhielten vom Hersteller eine Scharfenbergkupplung und nur diese können mit den Beiwagen elektrisch verkehren. Die Beiwagen wurden umgebaut und die dritte Tür demontiert, da die neue Zuglänge für die Haltestellen zu lang ist. 2016 gingen stückweise die Traminos in den Betrieb und die Beiwagen wurden abgestellt. Ein Jahr später waren zwei Beiwagenzüge noch unterwegs und rückten dann für längere Zeit in den Betriebshof ein. Doch seit 2018 sind wieder zwei Beiwagenzüge im regelmäßigen Einsatz mit den NGT8D. Aktuell (Stand Juli 2019) sind vier Hochflurtriebwagen des Typs Mannheim im Einsatz, die mit vier Beiwagen des Typs Mannheim gekoppelt werden können, wenn es nicht zwei Kurse mit dem NGT8D tun. Zudem sind zwei Beiwagen des Typs Braunschweig im Fuhrpark vorzufinden.

Darmstadt

30 Niederflurbeiwagen des Typs SB09 (Straßenbahn-Beiwagen der 9. Serie) sind bei der HEAG moblio (Hessen) im Einsatz, die 1994 beschafft wurden und die Hochflurbeiwagen SB07 und SB08 ersetzten. Zum Einsatz kamen sie mit hochflurigen Triebwagen. Der zum SB9 passende Niederflurgelenktriebwagen ST13 (NGT8D) wurde erst 1998 beschafft - 2007 folgte der ST14 (NGT8D). Die Niederflurbeiwagen können mit den 34 Triebwagen der Typen ST07, ST10, ST11 und ST12 gekoppelt werden. Die Gesamtlänge des Wagenzugs NGT8D+SB09 beträgt 43 Meter. Im Einsatz sind die SB09 auch mit dem Hochflur-gelenktriebwagen ST12.

Kassel

Als die Rostocker Verkehrs-AG ihre gebrauchten Niederflurbeiwagen vom Typ NB4 zum Verkauf anbot, entschieden sich die Kasseler Verkehrs-AG (Hessen) für den Kauf von 15 NB4, die in den Jahren 2013 bis 2015 angeliefert wurden. Die Lackierung und der Fahrgastraum wurden angepasst. Nur dieselben Drehgestelle konnten nicht in Kassel verkehren und es mussten neue beschafft werden. Dadurch können an den Achsen keine Lärmschutzklappen mehr montiert werden. Des Weiteren wurde eine neue Bremstechnik eingebaut, um die Steigungen zu überbinden. 2016 - ursprünglich 2014 - konnten die ersten beiden 4NBWE mit den 8ENGTW gekoppelt werden. 10 Beiwagen sind bereits umgebaut. Es folgen fünf weitere oder sie dienen als Ersatzteilspender. Das letzte mal fuhren im Jahr 2003 Beiwagenzüge in Kassel.

Leipzig

Bis 2012 waren an den T4D-M (Hochflur) die passenden Beiwagen gekoppelt, bis sie ausgemustert wurden. Seitdem sind sie nur noch mit den NB4 (Nieder-flur) gekoppelt. 2000 und 2001 beschafften Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) und Leipzig (Sachsen) gemeinsam einen Niederflurbeiwagen, um möglichst auf jeder Linie einen Niederfluranteil anzubieten. Leipzig erhielt 38 und Rostock 22 Beiwagen, dort kamen sie jedoch hinter den T6A2M zum Einsatz. Ver-blieben sind jedoch vier B4D-NF - ein Beiwagen, der 2002 bis 2005 in der Wagenkastenmitte einen Niederflurbereich erhielt. Die letzten wurden im Septem-ber 2017 ausgemustert. Ursprünglich waren es acht solcher Beiwagen. Bis Mai 2019 konnte sogar noch ein Tatragroßzug gebildet werden, nämlich mit dem Stadtrundfahrtszug "Gläserner Leipziger". Um weiterhin Großzüge bilden zu können, die eine Länge von 45 Metern ergeben, werden seit 2012 auch Trieb-wagen-Dreifachtraktionen eingesetzt. Im Jahr 2011 wurde dann die Kombination NGT8+NB4 erprobt. Der Niederflurgelenktriebwagen NGT8 wurde von 1994 bis 1998 beschafft und hat eine Länge von 28 Metern, ist jedoch nicht für den Beiwagenbetrieb ausgebildet. Nach mechanischen Testfahrten erfolgten auch elektrische Testfahrten, in dem beim NGT8 die Bordelektronik umgebaut und am Heck eine Scharfenbergkupplung eingebaut wurde. 34 NGT8 wurden umge-baut und so können 34 NGT8+NB4-Züge gebildet werden, die eine Gesamtlänge von 42,50 Metern ergeben. Der Grund war, dass bis 2020 die Tatras noch fahren sollten und man sich eine Nachnutzung für die NB4 überlegte, die ab 2024 ausgemustert werden, genauso wie die NGT8, und durch den Wegfall der Großzüge.

   

Magdeburg

Im Januar 2013 fand der letzte offizielle Einsatztag der Gattung Tatra T6A2M/B6A2M statt, doch werden bis heute zwei Züge eingesetzt, wovon zwei Bei-wagen erhalten sind. Um den steigenden Fahrgastbedarf gerecht zu werden, beschafften die Magdeburger Verkehrsbetriebe (Sachsen-Anhalt) im April 2009 zwölf B6A2M aus Berlin, wovon 11 umgebaut und einer als Ersatzteilspender genutzt wurde. Diese kommen seit März 2011 mit dem NGT8D zum Einsatz und schaffen eine Gesamtlänge von 44 Metern. Angedacht war, 11 Niederflurgelenktriebwagen mit einer Länge von 44 Metern zu kaufen, die auf den NGT8D beruhen, doch aus Kostengründen entschied man sich für den hochflurigen Beiwageneinsatz. 11 NGT8D erhielten eine technische Anpassung für den Beiwagenbetrieb, die zugleich die ältesten ihrer Art im Fuhrpark sind.

   

 

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