Die „Wilde Zicke“ rollt seit über 125 Jahren durch Naumburg – Die historische Stadtrundfahrt lockt Touristen an

Nach langem und hin und her fand am 15. November 1892 die feierliche Eröffnung der „Naumburger Straßenbahn“ (Sachsen-Anhalt) statt. Ihre Spurweite ist 1000 mm. Der Grund war, dass die Altstadt und der Hauptbahnhof über einen Kilometer getrennt liegen. Als der Hauptbahnhof mit der Thüringer Bahn, der Bahnstrecke zwischen Bebra (Thüringen) und Halle (Sachsen-Anhalt) im Jahre 1846 in Betrieb genommen wurde, fehlte einfach eine Anbindung. Eine Pferdebahn kam nicht in die Frage, da die Strecke etwa 40 Meter Steigung besitzt. Die Elektrische war zu teuer, weshalb man sich für eine Dampfstraßen-bahn entschied. Des Weiteren hat es eine Weile gedauert, bis sich jemand fand, der einen Straßenbahnbetrieb entwickelte. 1891 wurde dem Hallenser Ingenieur Georg von Kreyfeld die Konzession zum Betrieb der ersten Linie für 40 Jahre erteilt. Doch wegen fehlender Finanzen verzögerte sich der Bau.
Er verkaufte später die Konzession an ein Wittenberger Unternehmen, die aber auch nicht mit dem Bau begannen, vielmehr wollten sie eine elektrische Straßenbahn. Deshalb wollte man die Konzession wieder verkaufen. 1892 wurden dann die „Naumburger Straßenbahn Aktiengesellschaft“ gegründet. Das Kapital ist vielen Naumburgern zu verdanken, die Anteile erworben hatten. Schon eine Woche nach der Gründung kaufte man die Konzession mit der Option, dass diese nach Ablauf ins Eigentum der Stadt Naumburg übergehen sollte. Die Bauarbeiten begannen endlich, zwei Monate später trafen die ersten Bahnen ein. Doch die Einnahmen blieben in den ersten Jahren zurück, so dass sogar 1894 für eine Woche der Betrieb eingestellt werden musste. Auch geplante Erweiterungen konnten aus Geldmangel nicht umgesetzt werden. Es wurden Kapitalgeber gesucht, die den Betrieb übernehmen, doch dies wurde leider nicht erreicht. So kam das Unternehmen 1900 in Konkurs und die Stadt Naumburg übernahm den Straßenbahnbetrieb, später auch ihre Anlagen und Fahrzeuge. Die Finanzprobleme legten sich, aber die Technikprobleme nahmen zu. Die Aufsichtsbehörde, damals die Preußische Staatseisenbahnen, forderten eine komplette Erneuerung der Anlagen und Fahrzeuge. In den kommenden sechs Jahren wurde die Umstellung auf elektrischen Straßenbahnbetrieb geplant und umgesetzt, die am 2. Januar 1907 aufgenommen wurde. Die Dampfstraßenbahn fuhr zuletzt im Oktober 1906. Gefahren wurde im 10-Minuten-Takt und eine Fahrt kostete 10 Pfennig. Die Linienführung ging vom Hauptbahnhof, Bahnhofstraße, Jägerstraße/Jägerplatz, Poststraße, Marienring, Jakobsring, Wenzelsring, Am Salztor, Weimarer Straße, Moritzplatz zum Markgrafenweg. Auch durch die Altstadt, entlang des Postrings, Lindenring, Herrenstraße, Markt, Jakobs-straße zum Theaterplatz ging es. Das Depot liegt an der Poststraße. Die Ringrundfahrt betrug 5,4 Kilometer Gleislänge.

   

Mehrere Betriebseinstellungen überlebt

Wie es so üblich ist, haben Straßenbahnbetriebe damals wie heute das ein oder andere Problem, das man bewältigen muss. Schlechter Gleiszustand und alte Fahrzeuge stoßen auf die Tagesordnung. So sollte in den 1930er Jahren aus Sicherheitsgründen der Betrieb erstmal eingestellt werden, doch der Zweite Weltkrieg 1939 verhinderte dies. Um den entgegenzuwirken, wurde nur noch in eine Richtung gefahren. Während des Weltkriegs wurden die Anlagen und Fahrzeuge in Mitleidenschaft gezogen. Der Betrieb wurde zwischenzeitlich eingestellt. Mit dem ersten Fünfjahrplan der Sowjetunion wurde der Straßenbahn-betrieb 1950 zum VEB (K). Ab 1957 fuhr man wieder in beide Richtungen – die Linie 1 im Uhrzeigersinn und die Linie 2 gegen den Uhrzeigersinn. Die Fahr-gastzahlen stiegen an. Die Bürger nutzten sie rege zur Arbeit und zum Hauptbahnhof. Ende der 1950er Jahre kam der Busbetrieb hinzu. Es gab wieder Erweiterungspläne für das Streckennetz, doch diese wurden erneut nicht umgesetzt. 1976 musste der Betrieb unterbrochen werden. Die Altstadt wurde zur Fußgängerzone umgebaut und die Bimmel durfte nicht mehr durchfahren. 1979 erneut komplett eingestellt – Eine Umstellung auf Busbetrieb sollte erfolgen. Neue bzw. gebrauchte Fahrzeuge konnten beschafft und zuletzt in der DDR in den 1980er Jahren das Gleisnetz erneuert werden.

   

Die Wiedervereinigung brachte zunächst das Aus

Nach 1990 waren die Anlagen in einem desolaten Zustand und wurden zum Sonderfall. Auch die Fahrgastzahlen gingen stark zurück. Eine Modernisierung hätte 12 Millionen DM gekostet, diese Summe konnte die Stadt nicht aufbringen. Es wurde die Einstellung erneut diskutiert, umgestellt werden sollte auf Obus- oder Busbetrieb. Im selben Jahr wurde eine Bürgerinitiative zum Erhalt des Straßenbahnbetriebs gegründet. Sie bemühte sich intensiv um die Beschaffung von Betriebsmitteln aus anderen Städten. Denn zuständigen Behörden interessierte das jedoch nicht. Auch ein Antrag auf Denkmalschutz wurde abgelehnt. Die Stadt übernahm den Betrieb erstmal wieder und führte dringende Maßnahmen aus. Im März 1991 lief schließlich die Konzession aus, doch der Betrieb ging weiter. Bauarbeiten zwangen später wieder die Einstellung. Die Bauarbeiten verzögerten sich und nicht alle Fördermittel konnten abgerufen werden, weshalb die Arbeiten abgebrochen wurden. Mehrere Abschnitte waren getrennt und ein Betrieb unmöglich. 1992 übernahm die Stadt Naumburg den Straßenbahnbetrieb von der Treuhandanstalt. Im selben Jahr wurden zum 100-jährigen Jubiläum einige Sonderfahrten auf einem kurzen Abschnitt am Depot angeboten. Die noch vorhandenen Abschnitte wurden mit Teer übergossen.

   

Die Idee einer Touristenbahn

1993 brachten private Gesellschafter die Idee einer touristischen Straßenbahn ins Spiel, die den Stadträten gefiel. 1994 wurde die „Naumburger Straßen-bahngesellschaft mbH“ von Joachim Friedrich aus Darmstadt, Robert Wittek aus Heidelberg und Andreas Plehn und Günther Weiße aus Naumburg gegründet. Sie bevorzugten zunächst die Vermarktung als einzige Ringstraßenbahn Europas. Später folgte die Wiederherstellung einiger Abschnitte. Mit der Unterstüt-zung von Joachim Friedrich, der viele Straßenbahnwagen sammelte, konnten mit einem Pferdebahnwagen die ersten Fahrten wieder angeboten werden. Zum Ende des Jahres wurden die Anlagen und Fahrzeuge von der Stadt auf 20 Jahre gepachtet. In dieser Zeit war die Realisierung der Ringbahn geplant. 1995 wurde schließlich der Abschnitt zwischen dem Jägerplatz und Theaterplatz (nördlich und östlich der Altstadt) für den Betrieb fit gemacht. Der Ausbau sollte weitergehen, doch die Stadt stellte sich quer. Nicht mehr befahrbare Gleise wurden erneuert, aber stillgelegte Gleise von der Stadt entfernt. Zwischen Salztor und Michaelisstraße sind die Schienen unter dem Asphaltbelag noch erhalten. Jedoch müssten die Gleisanlagen trotzdem komplett erneuert werden, da sie den heutigen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Beide schlossen 1999 einen Kompromiss: Die Gesellschaft verzichtet auf den Ausbau von Salztor über den Moritzberg zum Hauptbahnhof (südlicher und westlicher Ring) und erhält dafür eine Bestandssicherung vom Hauptbahnhof über den Jägerplatz zum Salztor. 1999 wurde der Bahnhofsvorplatz neugestaltet, Ab 1999 konnte der Betrieb zwischen Jäger-platz und Vogelwiese (Endpunkt südlich) wieder aufgenommen werden. Für die Fahrten musste immer eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden, seit April 1999 fährt man mit Linienbetrieb. 2001 versicherte der damalige Oberbürgermeister Hilmar Preißer, dass die Trasse der Ringbahn auf der westlichen Seite für einen möglichen Wiederaufbau freigehalten werde. Doch im Stadtrat stimmte er dann dem Rückbau der Anlagen in der Roßbacher Straße zu. 2003 wurde der Abschnitt vom Jägerplatz zum Hauptbahnhof eröffnet. Die Endhaltestelle befand sich nun südöstlich vom Bahnhofsgebäude mit einer Ausweiche.

   

Die Konzession lief wieder aus – Wie sieht die Zukunft aus?

2004 lief die Konzession für den Straßenbahnbetrieb aus. 2006 wurde der Betrieb wieder aufgenommen, jedoch nur an jedem Wochenende in der Sommer-zeit. Seit März 2007 wieder täglich. Vermarktet nun unter „Naumburger TouristenBahn“. Halbstündlich zwischen Hauptbahnhof und Vogelwiese auf 2,5 Kilo-metern Gleislänge. Als Liniennummer gibt es nur die Linie 4, die immer zwischen Hauptbahnhof und Vogelwiese pendelt. Die Liniennummern 1 bis 3 tragen die Buslinien. Bei Veranstaltungen wird auch mal bis nach Mitternacht gefahren, ansonsten unter der Woche von 6 bis 20 Uhr und am Wochenende von 9 bis 18 Uhr. Gefahren wird nach wie vor mit historischem Wagenmaterial, weshalb es für Touristen eine nostalgische Stadtrundfahrt ist. Zum Einsatz kommen hauptsächlich Lowa-, Gotha- und Rekowagen. 2008 wurde die Haltestelle Theaterplatz (jetzt Curt-Becker-Platz) neugestaltet, mit Bus- und Straßenbahn-benutzung in einem. 2009 folgte die Platzgestaltung als Eingang in die Altstadt in Richtung Marktplatz. Von 2009 bis 2010 fuhr die Straßenbahn im Rahmen eines Modellversuchs, das vom Land Sachsen-Anhalt finanziert wurde, und 120.000 Fahrgäste verzeichnete. Das Modell lief aus und die Behörden mussten sich überlegen, wie sie den Voraussetzungen für den rechtlichen und finanziellen Weiterbetrieb sichern können. Die Stilllegung stand also erneut auf dem Fahrplan. Das Land Sachsen-Anhalt beteiligte sich weiter an der Finanzierung, jedoch mit dem Haken, dass die Linie 4 in den ÖPNV eingebunden wird. Aber der Burgenlandkreis lehnte dies wegen ihm entstehenden Mehrkosten ab. Der sachsen-anhaltinische Verkehrsminister, Karl-Heinz Daehre, stellte Geldmittel bis 2010 bereit. Durch ein Änderungsgesetz im Landesgesetz wurde im Dezember 2010 die Förderung des Straßenbahnbetriebs als ÖPNV mit Landesmitteln beschlossen. Nunmehr gilt die Naumburger Straßenbahn nicht mehr als gefährdet, sondern ist unbefristet finanziell gesichert.

Eigene Fahrkarten und MDV-Tickets

Die Naumburger Straßenbahn hat ihre eigenen Tickets und ist damit nicht an einem Verkehrsverbund gebunden. Jedoch werden seit dem 13. Dezember 2015 die MDV-Tickets in den Zonen 255 und 556 anerkannt.

Der Fuhrpark der hochflurigen Straßenbahnen

Wer denkt, dass in Naumburg historische Straßenbahnen fahren, der täuscht. Die eingesetzten Gotha- und Lowa-Wagen sind im Regelbetrieb. Natürlich gibt es auch die historischen Bahnen, die bei Sonderfahrten zum Einsatz kommen. Zum Bestand gehören sieben Triebwagen: Der Typ Lindner von 1928 mit der Nummer 17, der Typ Lowa von 1955 mit der Nummer 29, der Typ Gotha von 1959 mit der Nummer 37 und 38 und der Typ Reko von 1971 mit der Nummer 50, von 1793 mit der Nummer 51 und von 1972 mit der Nummer 19. Sowie der Sommerbeiwagen von 1986 mit der Nummer 133, der auch als Pferdebahnwagen genutzt werden kann.

   

Ausbau bis 2018 zum Salztor und Verlegung der Haltestelle Hauptbahnhof

Ende 2014 begannen mit einem symbolischen Spatenstich die Bauarbeiten von der Vogelwiese zum Salztor, die 2017 auf einer Länge von 440 Metern abgeschlossen und in Betrieb gehen sollen. Im November letzten Jahres fanden Bauvorbereitende Maßnahmen statt und es wurden unter anderem die ersten 150 Meter Gleis instandgesetzt, unter anderem die Holzschwellen durch Betonschwellen ausgetauscht. Von den 440 Metern müssen 250 Meter neu gebaut werden. Dazu kommen neue Masten und Fahrleitungen. Schon im September 2013 wurde der erste neue Mast aufgestellt, gespendet von MuR Stahlbau GmbH aus Naumburg, die sich auch für die bisherigen Masten verantwortlich zeichnen. Fünfzehn weitere werden benötigt, die noch im selben Monat finan-ziert werden konnten. Hinzukommen 600 Schwellen. Und wie schon damals zur Gründung haben sich auch diesmal wieder die Naumburger und ihre Gäste an der Finanzierung beteiligt. Bis Ende 2014 wurden 100.000 EUR Spenden- und Sponsorengelder für den Wiederaufbau eingenommen. Alle Masten und Schwellen sind finanziert. Während sich das Bauprojekt 2015 und 2016 in der Planungsphase befand, folgte der Bau 2017 bis 2018. Es entstanden ein eigener Gleiskörper mit Bahnsteig und Ausweiche am Salztor sowie neue Fahrleitungsanlagen. In Betrieb genommen wurde die neue und neunte Haltestelle am 1. Dezember 2017 um 16 Uhr. Ein weiteres Bauprojekt erfolgte von Mai bis August 2018, in dem die Haltestelle Hauptbahnhof um 90 Meter vor das Empfangsgebäudes des Naumburger Hauptbahnhofs verlegt wurde. Dabei vergrößerte man auch die bestehende Ausweiche in der Bahnhofstraße. Am neuen Stumpfgleis befindet sich ein 24 Zentimeter hoher Bahnsteig mit Fahrgastunterstand. Zuletzt hielt auf dem Bahnhofsvorplatz/Achener Platz 1991 die Straßen-bahn. Dann ist die Naumburger Straßenbahn wieder ein Stückchen näher an ihrer einstigen Ringbahn dran. Doch es wird untersucht, ob sie in Zukunft eine Ringbahn bleiben soll oder sich weiter durch Naumburg schlängelt.
 

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