Unterwegs mit der Bimmelbahn im Kirnitzschtal – Straßenbahn im Nationalpark Sächsische Schweiz

Seit über 120 Jahren bimmelt durch Bad Schandau (Sachsen) und das Kirnitzschtal in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz eine Straßenbahn. Sie ist vor allem bei Touristen beliebt, da sie beide Orte miteinander verbindet. Weitere Besonderheiten sind, das hier Fahrzeuge fahren, die in anderen Städten längst Geschichte sind. Sie führt keine Liniennummer, einzigartig in Deutschland, und ist auch die einzige Straßenbahn hier im Lande, die in einem Nationalpark einfährt. Die Strecke auf 1000 mm Spurweite ist fast komplett eingleisig und die Haltestellen befinden sich auch immer nur auf einer Seite. Die Rede ist von der Kirnitzschtalbahn. Gegründet wurde sie als Touristenbahn, wie man es heute nennt. Um 1870 kamen die ersten Planungen zum Bau einer Pferdebahn durch das Kirnitzschtal. 1893 wurde das „Executiv-Comite zum Bau und Betrieb einer Straßenbahn mit Motorantrieb von Schandau über den Lichtenhainer Wasserfall bis zur Kirnitzschschänke“ angelegt. Die Strecke sollte am Bahnhof Schandau starten, über Felsenmühle, Lichtenhainer Wasserfall, Neumann-mühle und an der Kirnitzschtalschänke in der Hinterdittersbach an der sächsisch-böhmischen Grenze enden. Eine Weiterführung über Rainwiese und Herrnskretschen (heute Tschechien) und zurück nach Schandau (Deutschland) als Ringlinie wurde konzipiert. Nach der Streckengenehmigung 1893, stimmte ein Jahr später der Stadtrat zu. Jedoch konnte man sich noch nicht entschieden, welche Antriebsart man verwende. Das Königreich Sachsen lehnte den Betrieb mit Dampfloks ab. Bis Mai 1897 wurden die Schienen verlegt, allerdings nur zwischen dem Markt und dem Lichtenhainer Wasserfall. Aus Kosten-gründen wurde die Strecke auch später nicht komplett realisiert. Unverständlich gab es Proteste von Händlern, Gastwirten und Fährleuten für eine Straßen-bahn zwischen Bahnhof und Markt. Am 27. Mai 1898 wurde die Straßenbahn zwischen der Stadt Schandau und dem Kirnitzschtal eröffnet. Auf Grund einiger Entgleisungen verzögerte sich die Fahrzeit aber auf 45 Minuten. Sie pendelte jährlich von Mai bis Oktober und verzeichnete in diesem Jahr 80.000 Fahrgäste.

Leider blieb der Betrieb von weiteren Störungen nicht verschont: weitere Entgleisungen, häufige Schäden an den Fahrmotoren und Stromabnehmern.  Seit 1920 heißt Schandau nun Bad Schandau (Kurort). In der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1927 brannte das Straßenbahndepot mit allen Fahrzeugen aus. In der Hauptsaison musste der Betrieb zwei Wochen eingestellt werden und konnte im August mit geliehenen Straßenbahnen der Lößnitzbahn (Straßenbahn zwischen Dresden und Radebeul) wieder aufgenommen werden. Zur Saison 1927 erhielt der Betrieb wieder einen eigenen Fuhrpark. Geplant war 1939 die Umstellung auf Obus, den der Zweite Weltkrieg jedoch verhinderte. Für einen Monat wurde die Bimmelbahn 1945 kriegsbedingt eingestellt. 1969 wurde sie dann um 350 Meter Gleislänge gekürzt – betroffen war der Abschnitt in der Altstadt. Zwischen Markt mit der Endhaltestelle Hotel Lindenhof und dem heutigen Kurpark mit der Haltestelle Forellenbrücke. Am Kurpark, damals Stadtmühlenplatz, wurde eine neue Endhaltestelle mit Ausweiche errichtet. Nunmehr erfolgte der Straßenbahnbetrieb nur noch zwischen Kurpark und Lichtenhainer Wasserfall. 1969 wurde die Strecke wegen Oberbaumängel amtlich gesperrt. Auslöser war ein Unfall, bei dem ein Triebwagen in die Kirnitzschböschung stürzte. Durch Materialknappheit und der Planwirtschaft konnte der Verkehr erst im Sommer 1972 wieder beginnen. 1973 stießen zwei Triebwagen aufeinander. Das Zugstabsystem wurde eingeführt. 1982 wollte man die Kirnitzschtalbahn wieder einstellen. 1985 erfolgte erneut eine Entgleisung, die Strecke wurde besichtigt und wegen Schäden an den Gleis- und Fahrleitungsanlagen gesperrt. Der damalige Betreiber, die VEB Kraftverkehr Pirna, zog eine Stilllegung vor. Doch massive Proteste konnten dies verhindern. Nachdem man sich in den letzten Jahrzehnten den dringenden Streckenausbau wünschte, kam dieser endlich von 1986 bis 1990. Im August 1986 wurde der Betrieb teilweise wieder aufgenommen. Komplett wurde sie 1990 wiedereröffnet. Ein weiterer Ausbau erfolgte 2003 bis 2004. Durch das Hochwasser 2010 wurde das Kirnitzschtal vom Hochwasser überschwemmt. Die Betriebsanlagen waren zerstört. Der Wagenpark erlitt Motorschäden und der Betrieb musste eingestellt werden. Noch im selben Monat konnte er teilweise zwischen Kurpark und Beuthenfall (in der Nähe vom Wasserfall) fortgeführt werden. Die Landesdirektion Dresden bewilligte Ende 2010 Fördermittel für den Wiederaufbau. Zwei Jahre später fuhr die Kirnitzschtalbahn wieder zwischen Kurpark und Lichtenhainer Wasserfall.

   

Auf 7,9 Kilometern durch das Kirnitzschtal

Die Kirnitzschtalbahn rollt seit 1969 auf 7,9 Kilometern Gleislänge. Ihre südliche Endhaltestelle befindet sich im Kurpark, etwa 500 Meter entfernt vom Markt. Die folgenden Haltestellen heißen: Botanischer Garten, Waldhäusel, Ostrauer Mühle, Mittelndorfer Mühle, Forsthaus, Nasser Grund und Beuthenfall. Die östliche Endhaltestelle befindet sich am 1852 errichteten Gasthof Lichtenhainer Wasserfall. Beide Endhaltestellen verfügen über eine Ausweiche und ein Stumpfgleis. Am Gasthof befindet sich seit 1830 ein Wasserfall, der für die touristische Attraktivität vergrößert wurde und durch ein aufziehbares Stauwehr mit einem großen Wasserguss in Szene gesetzt wird. Läuft man von der östlichen Endhaltestelle knapp elf Kilometer weiter, gelangt man zur Oberen Schleuse in Hinterhermsdorf, wo eine Kahnfahrt auf 700 Metern Länge auf die Besucher wartet. Die komplette Strecke ist eingleisig und hat lediglich zwei Ausweichstellen, die Depotweiche am Depot und die Schneiderweiche zwischen Forsthaus und Nasser Grund. Alle Haltestellen befinden sich auf derselben Seite. Zwischen Botanischem Garten und Waldhäusel liegt das Depot. Integriert ist auch eine Betriebswerkstatt.

   

Streckenerweiterung zur Elbe und zur Neumannmühle

Im Regionalplan Oberes Elbtal/Osterzgebirge von 2003 ist als Planungsziel festgehalten, dass die Kirnitzschtalbahn als ein historisch bedeutsames Verkehrs-mittel zur Erschließung von Teilen der Sächsischen Schweiz erhalten und über die gegenwärtigen Endpunkte hinaus zur Elbe und zur Neumannmühle verlängert werden soll. Die Neumannmühle wurde 1576 erstmals urkundlich erwähnt und war eine Sägemühle. Seit 1996 ist sie ein Technisches Denkmal und dient als Schauanlage. Die Einrichtung zum Schleifen von Holz aus 1870 ist erhalten geblieben. Jährlich zieht die Mühle zahlreiche Besucher an, auch befindet sich hier ein großer Wanderparkplatz und ist Haltestelle der Buslinie 241, die den Nationalpark-Bahnhof Bad Schandau, die Altstadt und das Kirnitzschtal verbindet. Die Verlängerung zwischen dem Lichtenhainer Wasserfall und der Neumannmühle beträgt rund 4,5 Kilometer. Knapp neun Kilometer sind es dann noch bis zur deutsch-tschechischen Grenze. Südlich soll die Straßenbahn wieder Anschluss an das Stadtzentrum erhalten mit Zugang zu den Anlegestellen der Dampfschiffe und Fähren sowie über die Carolabrücke, die die Eisenbahnbahn auf Normalspur nutzt, zum Nationalpark-Bahnhof. Dort besteht wiederum Zugang zur S-Bahn nach Dresden. Im Juni 2018 fassten die Stadträte Bad Schandau und Sebnitz sowie der Gemeinderat Rathmannsdorf den Beschluss, eine Machbarkeitsstudie aufzugeben, um die Kirnitzschtalbahn nach Norden und Süden zu verlängern.

Mit der Historischen im Linienverkehr

Wer denkt, dass die hier eingesetzten Straßenbahnen Museumswagen sind, der täuscht. Sie fahren im Planbetrieb. Genauso wie bei der Naumburger Straßenbahn. Bei beiden Betrieben fahren zweiachsige Fahrzeuge, einmalig in Mitteldeutschland. Zum Fahrzeugpark gehören die in den 1990er Jahren modernisierten Gotha-Trieb- und -beiwagen. Zwischen 1992 und 1996 erhielt der Verkehrsbetrieb drei Gotha-Zweirichtungstriebwagen aus Plauen und einen aus Zwickau. Zwei Beiwagen aus Zwickau kamen 1996 und 1997 hinzu. 2007 folgte ein Triebwagen aus Jena. Damit sind vier Triebwagen und zwei Bei-wagen für den Linienverkehr im Bestand. Drei historische Triebwagen und ein Beiwagen gehören ebenfalls dazu. Vier Fahrzeuge wurden durch das Hoch-wasser im Sommer 2010 stark beschädigt. Der historische Triebwagen Nummer 9 ist dank eines Spendenaufrufs wieder betriebsfähig. Dem Historischen Straßenbahndepot Halle (Sachsen-Anhalt) 1993 ein 1943 gebauter Triebwagen von der Gothaer Waggonfabrik abgegeben – an der Front trägt er den Namen der Kirnitzschtalbahn weiterhin.

   

Niederflurtechnik erprobt, aber zu teuer!

Angelegt wurde die Kirnitzschtalbahn als Touristenbahn und ist es mit jährlich 200.000 Fahrgästen auch weiterhin. Die Fahrzeuge sind modernisiert. Sie haben eine digitale Fahrtzielanzeige, automatisch öffnende und schließende Türen und Polstersitze. Eine Klimaanlage ist eine Kostenfrage. Ein Nachteil ist jedoch, dass es sich hier um Hochflurfahrzeuge handelt. Doch aus genau diesem Grund ist die Bimmelbahn so beliebt. Es ist etwas von damals, das heute noch fährt. Sie ruckelt und quietscht und das wird zum Erlebnis für alle Besucher. Vom 13. Juli bis 19. August 1993 war der MGT6D-Triebwagen 500 der Halleschen Verkehrs-AG (HAVAG) zu Testfahrten im Einsatz. Doch die Beschaffung von Niederflurwagen durch zu hohe Kosten machte einen Strich durch die Rechnung. Auch müssen die Gleis- und Fahrleitungsanlagen umgebaut werden. Auf absehbarer Zeit wird es also keine Niederflurstraßenbahnen geben. Und zum Jubiläum "100 Jahre Kirnitzschtal" folgte nochmals ein MGT6D der HAVAG, diesmal der Triebwagen 612, der seit Juni 2014 in Brandenburg an der Havel (Brandenburg) mit der Wagennummer 104 im Einsatz ist.

 

Günstig fahren im VVO oder zum Sondertarif?

In den Regionen Halle und Leipzig gibt es den MDV (Mitteldeutscher Verkehrsverbund), in der Region Dresden den VVO (Verkehrsverbund Oberlebe) oder in der Region Chemnitz dem VMS (Verkehrsverbund Mittelsachsen). Dort kann man mit Zug, S-Bahn, Tram und Bus sowie vielen Verkehrsunternehmen innerhalb des Verkehrsverbundes fahren. Alles in einem Verbundticket. Nur bei der Kirnitzschtalbahn nicht – außer der VVO-Zeitkarte und ermäßigt mit der VVO-Tageskarte. Zwar ist der Betreiber, der Regionalverkehr Sächsische Schweiz-Osterzgebirge GmbH (RVSOE), Mitglied im Verkehrsverbund Oberelbe (VVO), aber für die Straßenbahnfahrt muss ein Sondertarif bezahlt werden. Es ist eben kein klassischer Straßenbahnbetrieb. Über die Sommerzeit wird ein 30-Minuten-Takt und in der Winterzeit ein 70-Minuten-Takt angeboten.
 

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